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Auf einmal steht ein Thema im Mittelpunkt, das wir alle gerne verdrängen: der Tod. Corona und die Bedrohung unseres Lebens bestimmen die politische Debatte. Doch wie erleben wir die alltägliche Bedrohung, die meist in nackten Statistiken auf uns einprasselt, ganz individuell? Wenn der Tod plötzlich zu unserem allgegen­wärtigen Schatten wird, was macht das mit unserer Sicht auf das Leben?

In ihrem Solo Somewhere Between Earth and Sky… nutzt Rosalind Masson ihre Schwangerschaft und die Praxis des Qi Gong, um die Erde als Ort der Transformation zu erforschen: Während der Körper am Boden bleibt, strahlt Energie ungehindert nach oben. Foto: Nora Wetzel

Saskia Oidtmann, Choreografin und Tänzerin, begibt sich an durch die Pandemie leergefegten urba­nen Orten in Berlin mit zehn inter­nationalen Künstler*innen auf die Suche: Wie kann der Tanz durch seine flüchtige Gestalt dem Tod begegnen? Wie sehr hat die Pandemie unsere Sicht auf den Tod verändert? Wie fragil sind unsere Körper geworden? Was bedeutet Tod für jeden einzelnen von uns und wie können wir uns im Leben auf ihn vorbereiten?

Zehn kurze Solochoreografien fügen sich zu einem “Album” von ca. 60 Minuten zusammen. Die Performer*innen reisen in den ehemaligen Industriekomplex der Malzfabrik in Schöneberg, ins Heizhaus der Uferstudios, auf das Gelände der Fahrbereitschaft in Lichtenberg oder die Spreehalle in Oberschöneweide.

Das Rad des Alltags hat angehalten. Existenzielle Bedürfnisse offenbaren sich. Unsere globale Welt fühlt sich plötzlich klein an: Weil wir alle betroffen sind. Weil wir alle, sichtbar und spürbar, durch die Verbreitung eines Virus miteinander verbunden sind.

In Trace Study (or how to keep warm in the waiting room of collapse) untersucht Frank Willens den kalten Raum, der ihn umgibt: Wie verhält sich der fragile, lebendige Körper ummauert von festem Beton? Foto: Nora Wetzel

Die verbotene Nähe zu anderen Körpern schreibt sich deutlich in unsere körperliche Präsenz ein. Dies wirkt sich nicht nur auf den Umgang mit anderen Körpern aus – sondern zwangsläufig auch auf unsere Haltung gegenüber dem Tod selbst. Wie viel Tod steckt bereits in uns allen: eingedrungen durch Zahlen, Statistiken und Bilder; als konkreter Wert in den Nachrichten, und nicht zuletzt als tagtägliche Sorge um die eigene Gesundheit? Im Angesicht dieser Fragen sucht Saskia Oidtmann auch nach der Gewissheit des Lebens.

Wie verhalten sich lebendige Körper an toten Orten? Unter der Gesamtregie von Saskia Oidtmann entwickeln die Tanz­künstler*innen ihre eigenen Choreo­grafien. So entstehen in enger Zusammen­arbeit mit der Kamerafrau und dem Komponisten zehn unter­schied­liche Soli. Sie erforschen leer­stehende öffent­liche und private Räume – ob Produktions­halle, ehe­maliges Heizhaus oder Büroräume.

Im Rahmen von NEUSTART KULTUR / #TakeAction präsentiert Saskia Oidtmann damit eine digitale Performance. Das digitale Format greift die Erfahrung der mediatisierten einsamen Begegnung auf, die unser Leben seit über einem Jahr prägt. Die einzelnen Choreografien werden durch eine begleitende Dramaturgie zusammen­gehalten. Kamera und Klang werden ein Teil der Entwicklung und erzählen von der Erfahrung von Nähe und Distanz.

Die zusätzliche Audiodeskription macht die Performance auch für Menschen mit beeinträchtigtem Sehvermögen erfahrbar. Durch die Unabhängigkeit vom Theater, einen flexiblen Zeitrahmen und Barrierefreiheit wird der zeitgenössische Tanz gezielt einem breiten und vielfältigen Publikum zugänglich gemacht.

Die Künstlerische Leiterin von Tanz vom Tod, Saskia Oidt­mann. Foto: Haluk Atalayman

Saskia Oidtmann ist eine in Berlin lebende Choreografin, Tänzerin und Dozentin. Sie entwickelt Bewegungen, Konzepte und Texte, die einen genuin körperlichen Ursprung haben. Neben Bühnen- und ortsspezifischen Projekten liegt ein weiterer Fokus auf filmischer Bewegungsumsetzung. Sie studierte Tanz und Choreografie (Laban Center London) und Theater- und Filmwissenschaften (Ruhr-Universität Bochum, Freie Universität Berlin) und beendet aktuell ihr Promotionsvorhaben zur Choreografie des Ereignisses (Universität Potsdam). Saskia hat mit unterschiedlichen Künstlern im In- und Ausland kollaboriert und eigene Arbeiten in Deutschland, England, Irland, Südafrika, Nicaragua und Indien gezeigt.

Für Kamera und die bilddramaturgische Umsetzung ist die Filmemacherin Nora Wetzel zuständig. Nach ihrem Abschluss zur Mediengestalterin für Bild und Ton studierte sie Spanisch und Theaterwissenschaft mit einem Stipendium an der Universidad de la Habana (Kuba). Neben ihrem Studium realisierte sie eigene Filme und arbeitete in verschiedenen Produktionen u.a. als Aufnahmeleiterin und Editorin. Seit ihrem Magisterabschluss ist sie freiberuflich als Filmemacherin tätig: neben dem Schwerpunkt Dokumentarfilm auch Kamera und Schnitt für verschiedene Tanz-, Theater- und Kunstprojekte.

Simon Bauer (Komposition) lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Kontrabass (Diplom 2007) in Berlin an der HfM Musik „Hanns Eisler“ und Komposition im Selbststudium. Heute schreibt er Musik und baut Instrumente. Seine Arbeit umfasst langjährige Kollaborationen mit den Choreograf*innen Reut Shemesh, Vincent Bozek und Overhead Project. Er ist seit 2010 als Musiker, Komponist und Instrumentenbauer fester Bestandteil der Gruppe Hans Unstern. Neben seinen kompositorischen und konstruktiven Arbeiten beschäftigt er sich mit Bauprozessen als musikalisch-performativen und installativen Aktionen.

Konzept und Künstlerische Leitung: Saskia Oidtmann
Tanzkünstler*innen / Choreografie: Florian Bücking, Mathis Kleinschnittger, Raisa Kröger, Rosalind Masson, Ixchel Mendoza, Ming Poon, Kiana Rezvani, Maria Walser, Anna Weißenfels, Frank Willens
filmische Umsetzung: Nora Wetzel
Komposition: Simon Bauer
Audiodeskription: Simone Detig
Presse und Öffentlichkeitsarbeit: fellow Publishing
Produktion: Medea Film – Irene Höfer

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und
Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR #TakeAction.

Programm

Mathis Kleinschnittger ist zeitgenössischer Tänzer, Performer und Choreograf mit Berlin als Basis. In seinem Solo 3 or 4 possibilities für Tanz vom Tod bewegt er sich zwischen Kontrolle und Losgelöstheit in einer Zwischenwelt: in einer Schwebe von Witz, Gefahr und Metamorphose, in einem angeeigneten Lebens- und Todesraum. Wer frisst eigentlich wen?

Mit dem Solo Somewhere Between Earth and Sky… öffnet Rosalind Masson einen vertikalen Kanal zwischen Körper und Raum. Die freischaffende Tänzerin und Choreografin nutzt die Praxis des Qi Gong und ihre eigene Schwangerschaft, um die Erde als Ort der Transformation und Erneuerung und den Himmel als Ort des kosmischen Bewusstseins zu erforschen.

Ming Poons Arbeiten sind interaktiv und kollaborativ angelegt und beschäftigen sich mit der Biopolitik und dem Widerstand der Schwachen. Mit Instructions for Dying entwickelt er eine praktische Anleitung zum Sterben in drei Schritten. Lernen Sie, wie Sie sich vorbereiten können, erfahren Sie, was Sie erwartet und erhalten Sie einige Tipps, um Ihre Erfahrung zu einer persönlichen und einzigartigen zu machen.

In Das letzte Plötzlich setzt sich Maria Walser mit Ritualen um Leben und Tod auseinander. Die Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin untersucht mit dem Tod das interessanteste Klischee der Kunst und nähert sich über das gezielte Nachfragen: Welche Gesten gesellschaftlicher Trauerrituale stecken in meinem Körper? Auf welchem Bein steht man am besten vor dem Nichts? Und wann ist es eigentlich wirklich zu Ende?

In Berlin lebend und arbeitend entwickelt Raisa Kröger in Zusammenarbeit mit renommierten Choreograf*innen vielfältige Performances. „III ist das sein der möglichkeit, dass leben endet. III ist das in form von bildern, bewegung; unter zuhilfenahme von organen und festem schuhwerk. III schafft eine figur, der man im alltag nicht begegnet. III ist das, was unter der haut liegt; das fleisch, was denkt und weiß, durch verformung zu überleben. III ist weder II noch I. es ist dazwischen. da.sein. im zwischen. III hält. dich.mich.uns.raum.zeit.“, schreibt Raisa Kröger über ihr Solo III.

Die in Teheran groß gewordene Kiana Rezvani setzt sich in ihren Produktionen mit ihrer Biografie aus einer politischen Perspektive auseinander. Für Tanz vom Leben entwickelt sie ein Stück darüber, wie Wut uns an die Ungerechtigkeit des Lebens erinnert und man in Trauer eine intelligente Antwort auf die Wut findet. Und wie aus einer Mischung von beidem ein Gefühl des Lebendigseins geschaffen werden kann.

„Of all the constraints of nature, the most far-reaching are imposed by space. For space itself has a structure that influences the shape of every existing thing.“ Auf diesem Zitat aus Patterns in Nature von Peter S. Stevens baut Anna Weißenfels ihr Solo UNWIND_REWINDED auf. Die Tanzkünstlerin schafft Performances, Klangkunst und multimediale Kunstwerke. Für Tanz vom Tod untersucht sie die Präsenz von Lebewesen im Raum und die fragile Balance, die es zu halten gilt: „Was, wenn das jetzt dein einziger Weg zum Gleichgewicht ist? Sobald du dich drehst, wird alles zurückgespult und dehnt sich ins Unbekannte aus“, so Anna Weißenfels über ihr Solo.

Der gebürtige Kalifornier Frank Willens lebt seit 2003 in Berlin und arbeitet als Tänzer, Choreograf und Performer. In Tanz vom Tod nimmt er mit Trace Study (or how to keep warm in the waiting room of collapse) eine räumliche, energetische und akustische Untersuchung des leeren, kalten, staubigen Raumes vor. In Zusammenarbeit mit der Architektur des ihn umgebenden Raumes untersucht er die Instabilität und Empfindlichkeit des menschlichen Körpers im Zusammenhang mit dem festen Beton des Bodens und der Wände.

Florian Bücking wurde nach dem Studium der Sportwissenschaften in Berlin zum zeitgenössischen Bühnentänzer ausgebildet und arbeitet als Tanzschaffender in und außerhalb von Berlin. In seinem Solo Running in Circles beschäftigt er sich mit Bewegungsmotiven der Wiederholung und des Kreislaufs. Er arbeitet mit Loops und Endlosschleifen in der körperlichen Bewegung, mit Impulsen und Stopps, mit dem Anfangen und Aufhören von Etwas, und fragt: was genau passiert in jedem Anfang und jedem Ende von Bewegung?

Ixchel Mendoza Hernández ist eine mexikanische freischaffende Choreografin, Performerin und Tänzerin mit Sitz in Berlin. Sie definiert ihre Arbeiten als Experimente zur Wahrnehmung, in denen sie die Verwobenheit von materiellen und sichtbaren Elementen mit dem Immateriellen und Unsichtbaren untersucht. Über ihr Solo für Tanz vom Tod schreibt Ixchel: „There is a balance between the beginning and the end: It withholds all and everything emerges out of it.“

Downloads

Tanz vom Tod | Saskia Oidtmann | Künstlerische Leiterin © Haluk Atalayman
Tanz vom Tod | III | Raisa Kröger © Katharina Meyer
Tanz vom Tod | III | Raisa Kröger © Katharina Meyer
Tanz vom Tod | 3 or 4 possibilities | Mathis Kleinschnittger © Nora Wetzel
Somewhere Between Earth and Sky… | Rosalind Masson © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Somewhere Between Earth and Sky… | Rosalind Masson © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Trace Study (or how to keep warm in the waiting room of collapse) | Frank Willens © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | UNWIND_REWINDED | Anna Weißenfels © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | 3 or 4 possibilities | Mathis Kleinschnittger © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Titel folgt | Kiana Rezvani © Nora Wetzel
Somewhere Between Earth and Sky… | Rosalind Masson © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Somewhere Between Earth and Sky… | Rosalind Masson © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Trace Study (or how to keep warm in the waiting room of collapse) | Frank Willens © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | UNWIND_REWINDED | Anna Weißenfels © Nora Wetzel
Tanz vom Tod | Titel folgt | Kiana Rezvani © Nora Wetzel

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